Predigt für Karfreitag

Predigt für Karfreitag - „Sprich nicht zu schnell von Ostern“ Matthäus 27, 33-52 Pfarrerin Anna-Lena Frey

Liebe Leserinnen- und Leser- Gemeinde
Welch
Wahnsinn - welch finsterste Dunkelheit liegt doch über diesen Karfreitag!! In eigenartig knappen Worten erzählt der Evangelist Matthäus von der Hinrichtung, von diesem grausamen Sterben Jesu. Viel zu gut weiß er: dort am Kreuz schläft man nicht friedlich“ ein, da erstickt man - langsam und qualvoll. Das braucht er nicht auch noch auszumalen. Deshalb sehen wir kein Blut, das aus der Seite fließt und hören keine Hammerschläge, die die Nägel eintreiben.
Geradezu brutal
nüchtern erzählt er also in Kapitel 27, Verse 33-52:

Und da sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Mantel aus und zogen ihm seine Kleider an und führten ihn hin, dass sie ihn kreuzigten.
Und da sie an die Stätte kamen mit dem Namen Golgatha, das ist verdeutscht: Schädelstätte, gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und da er’s schmeckte, wollte er nicht trinken.

Da sie ihn aber gekreuzigt hatten, teilten sie seine Kleider und warfen das Los darum, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch die Propheten: „Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über meinen Rock das Los geworfen.
Und sie saßen da und bewachten ihn.

Und oben zu seinem Haupt setzten sie die Ursache seines Todes, da war geschrieben: Dies ist Jesus, der Juden König.
Und da wurden zwei Mörder mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken.

Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: „Du wolltest den Tempel zerstören und in drei Tagen wieder aufbauen! Dann hilf dir doch jetzt selber! Bist du Gottes Sohn, so steig herab vom Kreuz!
Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester samt den Schriftgelehrten und den Ältesten und sprachen: Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König Israels, so steige er nun vom Kreuz. Dann wollen wir ihm glauben. Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn ihm etwas an ihm liegt; denn er hat gesagt: „Ich bin Gottes Sohn.“

Desgleichen schmähten ihn auch die Mörder, die mit ihm gekreuzigt waren.
Und von der sechsten Stunde an ward eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.
Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut und sprach: Eli, Eli, lama asabthani?
Das bedeutet: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Etliche aber, die da standen, da sie das hörten, sprachen sie: „Der ruft den Elia.“ Alsbald lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und tränkte ihn.
Die anderen aber sprachen: Halt, lass sehen, ob Elia komme und ihm helfe!
Aber Jesus schrie noch einmal laut und starb.
Und siehe da, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von obenan bis untenaus. Und die Erde bebte, und die Felsen zerrissen.

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Nur zwei Schreie einer zu Gott, der hier anscheinend nicht zu finden ist und ein letzter, ungerichteter, wortloser Schrei. Zu mehr reichte der Atem nicht.
Dann
nur noch Tod!

Wie viele Grenzerfahrungen menschlichen Lebens sind darin eingeschlossen! Leiden und Schmerzen, dem nicht abgeholfen wird. Wie unendlich lange drei Stunden sein können, das erlebe ich in der Klinik immer wieder!
Ohnmacht und totales Ausgeliefertsein.

Nicht einmal die Fliege im Gesicht kann er sich selbst vertreiben. Wie grauenhaft das sein muss, könnten z.B. die erzählen, die Tage, Monate, vielleicht sogar Jahre bewegungslos ans Bett gefesselt sind, ohnmächtig warten müssen, bis jemand kommt und sieht, was sie brauchen könnten.

Verachtung, der nicht widersprochen wird.
Spott, der statt Salbe noch ätzendes Salz in die Wunde streut - „selbst schuld, wenn sie gemobbt wird, muss sich doch nicht immer so blöd anstellen“
Gleichgültigkeit, die Menschen angesichts der so offensichtlichen Not einfach weitergehen, zur Tagesordnung übergehen lassen oder das Leiden, den Schmerz klein reden - „komm, jetzt ist es doch schon ein Jahr her, das Leben geht weiter...!“

Der Evangelist Matthäus hält aus, was ich oft nicht aushalten kann, ja, was ich oft nicht aushalten will. Das Leben geht eben nicht weiter – jedenfalls hier am Kreuz nicht.
Der, der anderen
geholfen hat - hilflos ausgeliefert

Der, der andere in die Gemeinschaft geholt hat – verraten und verlassen Der, der zum Glauben eingeladen hat – verzweifelt schreiend

Der, der den Beginn eines neuen Reiches verkündete – am Ende, Die Sonne verfinstert
Die Erde unter den Füßen - aufgebrochen
Der letzte wortlose Schrei - ohne Antwort

absolut am Ende

Kein Vater vergib!“
Kein in deine Hände befehle ich meinen Geist!“
Kein noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“
Kein es ist vollbracht!“
Nur der verzweifelte Aufschrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen!“
So stirbt Jesus.
Wo die
anderen Evangelisten die Erfahrung von Ostern schon mitten in der tiefsten Stunde aufscheinen sehen, wenn sie diese vertrauensvollen, mitfühlenden und fast siegesgewissen Worte Jesu überliefern, da scheint der Evangelist Matthäus sagen zu wollen: Sprich nicht zu schnell von Ostern!“
Geh nicht zu schnell über dieses bodenlose Leiden hinweg. Lass es zu! – Halte es aus! Dort bei Jesus, hier bei den Menschen um dich herum und auch in dir selbst!
Hier am Kreuz stirbt der
Menschen-sohn. Nicht ein schmerzunempfindliches Gottwesen, auch nicht ein über alle Zweifel und Ängste erhabener Held, hier stirbt

2

Jesus, ein Mensch mit Schmerzrezeptoren wie du und ich, ein Mensch mit Gefühlen wie du und ich, ein Mensch, mit Wünschen und Sehnsüchten wie du und ich.
Und deshalb
leidet er, leidet bis in die letzte Nervenzelle hinein. Gibt es doch keine zarte Hand, die den Schmerzschweiß von der Stirn wischt, und keine liebevolle Stimme, die sagt: „keine Sorge, ich lass dich nicht allein“ und auch kein Morphium, das den Schmerz und die Atemnot beruhigt.

Und so leidet er - bis zum letzten Atemzug.
Aber- mein Gott, das ist doch wirklich nicht mit anzusehen, geschweige denn auszuhalten!

Und doch, liebe Gemeinde, wenn ich es versuche, auszuhalten, was eigentlich nicht auszuhalten ist, wenn ich versuche, nicht zu schnell auf Ostern zu verweisen, „wo doch die Nacht der Verzweiflung und Todes ein Ende genommen hat, und deshalb auch unsere Nacht ein Ende haben wird“; wenn ich das einmal nicht zu schnell tue, dann kann ich vielleicht auch für mich entdecken, was der Lehrer und Schriftsteller Otto Wiemer so formuliert:

Keines seiner Worte glaubte ich ihm, hätte er nicht geschrien:
mein Gott, warum hast du mich verlassen. Das ist
mein Wort,

das Wort des untersten Menschen und
weil er
selber so weit unten war, ein Mensch, der warum schreit und schreit verlassen,

darum will ich auch die anderen Worte die von weiter oben
vielleicht ihm glauben.

(Otto Wiemer lebte von 1905 bis 1998.)
Lassen Sie uns also nicht zu schnell von Ostern sprechen, denn auch für Matthäus ist der Weg bis Ostern noch weit.

Auch wenn – vielleicht sogar gerade weil – wir keine schnelle Antwort, keine schnelle Erlösung in all diesem finsteren Leid erhalten, können wir vielleicht gerade in diesem Kreuz einen Weg entdecken, wenn wir mit unserem Glauben und unserer Hoffnung am Ende sind und für uns kein Licht mehr am Horizont zu sehen ist.

Denn in diesem gottverlassenen, verzweifelt schreienden Jesus haben wir jemanden, der all das selbst kennt. Mindestens so tief unten wie wir, mindestens so verzweifelt wie wir, mindestens so hoffnungslos wie wir, ergibt Jesus sich weder einfach in sein Schicksal noch verstummt er einfach, sondern er lässt seinen Schmerz, seine Trauer, seine Fragen laut werden. Er schreit sie geradezu heraus. Und es scheint mir, als ob gerade dieser Schrei sein Rettungsanker ist. „Mein Gott“ so schreit er, ja, immer noch „mein“ Gott. „Verlassen“ hast du mich, aber immer noch „du“. Nicht zu finden bist du, aber ich kann’s nicht lassen: „Mein Gott“.

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Vielleicht nicht einmal mehr bewusst, aber irgendwie nicht völlig auszumerzen, hält Jeus immer noch an diesem wahn-witziges Vertrauen fest, einem Vertrauen in und trotz allem Wahnsinn, dass Gott dennoch hört in der häuslichen Isolation, auf den Covid-Stationen, auf der Intensivstation, am offenen Grab, in der Not der Verzweiflung, im Scheitern der Lebensplanung.

Das wahnwitzige Vertrauen, dass Gott hört, selbst den wortlosen Schrei zumindest hören könnte. Das Vertrauen, das den Unterschied macht zwischen hoffnungslos krepieren und trotz allem noch würdevollem Sterben.
Hier kann uns erst wirklich der Trost erreichen, der auch Dietrich Bonhoeffer die Dunkelheit und immer wieder tiefe Verzweiflung seiner Gefängniszeit aushalten ließ. „Keinen Weg lässt uns Gott gehen,

den er nicht selbst gegangen wäre,
und auf dem er uns nicht vorausginge

So schreibt er es in einem Brief an seinen Freund Eberhard Betge.
Und wir
wissen: dieser Weg bewahrte ihn gerade nicht vor der letzten Dunkelheit. In einem Kurzprozess von den NS-Schergen zum Tode verurteilt wurde er am 9. April 1945, also gestern vor 75 Jahren, zusammen mit einigen seiner Mitstreiter nackt erhängt. Welch grausige Wiederholung. Und wie unzählbar oft hat sich dies in der Menschheitsgeschichte wiederholt und wiederholt sich immer noch!

„Lassen Sie uns also nicht zu schnell von Ostern sprechen!“ Denn hier am Kreuz wird auch die letzte Möglichkeit unseres Lebens aufgenommen: extremstes, über alles Tragbare hinausgehendes Leid, sowie die Erfahrung einer unentrinnbaren Gottverlassenheit. Das Kreuz reicht hinab bis ganz unten.

Und eben deshalb gibt es nichts mehr – was Gott nicht selbst kennt. Der Vorhang ist zerrissen – Gott ist ganz bei uns!

Deshalb lassen Sie uns immer wieder neu bitten und hoffen, dass - wie tief auch immer wir am Leben leiden – dieses letzte Fitzelchen wahnwitziges Vertrauen nicht verloren geht, dass Gott bei uns ist und uns hört, weil er mit Jesus „uns keinen Weg gehen lässt, den er nicht selbst gegangen wäre, und auf dem er uns nicht vorausginge.“
Dann können wir es vielleicht
doch aushalten, dass zwischen Karfreitag und Ostern manchmal eine unendlich lang scheinende Zeit liegt. AMEN

Vielleicht können Sie sich von Dietrich Bonhoeffer hineinnehmen lassen in dieses Vertrauen, dass wir uns gerade auch jetzt in diesen so verunsichernden Zeiten „von guten Mächten wunderbar geborgen“ und begleitet wissen dürfen.
Den Text – auch die
dunklen - Verse finden Sie im evangelischen Gesangbuch (Nr. 65). Wenn sie diese Verse nicht nur als Gebet sprechen, sondern auch als Gebetslied singen möchten und sich nicht selbst am Klavier oder mit der Gitarre begleiten können, dann finden Sie bei Youtube auch entsprechende instrumentale Begleitung (z.B. www.youtube.com/watch)

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Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Karfreitag und ein getröstetes Aus- und Durchhalten, bis die Osterfreude wieder durchbrechen kann. 

Klinikseelsorge - besonderer Ausdruck unseres Auftrages als Kirche in der Nachfolge Jesu

Wie sehr Menschen in existentiellen Krisen dankbar sind, wenn einfach jemand da ist; und wenn dieser jemand ein Ohr für ihre Lebenserfahrungen und -geschichten hat, achtsam und wertschätzend aufnimmt, was jetzt ihre Fragen, Wünsche und Bedürfnisse sind, das erlebe ich täglich in der Klinikseelsorge. Und wenn genug Vertrauen gewachsen ist, dann schleichen sich auch immer wieder Fragen nach einem letzten Halt, nach Hoffnung und so manches Mal auch die Sehnsucht nach Versöhnung mit „Dingen“ in der Vergangenheit in die Begegnung.

Bestimmte religiöse und konfessionelle Formen spielen dann meist keine Rolle mehr. Es geht um den Kern ihrer Existenz, was sie im Leben und im Sterben tragen und halten kann. Und da ist Zugewandtheit wichtiger, mit ihren Fragen und Antwortversuchen mitgehen und mitschwingen, sich selbst als Mensch mit Fragen und Zweifeln zeigen und gleichzeitig von dem zeugen, was mich selbst trägt und hält. Hier geschieht Kirche – in der authentischen Begegnung von Mensch mit Mensch. Kirche entsteht, wo Menschen miteinander Wege des Lebens inmitten von Erschütterungen und tödlichen Bedrohungen suchen.

So können auch Menschen, die sich schon lange von der offiziellen Kirche verabschiedet haben, Kirche in ganz neuer, für sie heilsamer Weise erfahren. Momente besonderer Intensität werden möglich, in denen sich – etwa bei einem persönlichen Segenszuspruch – eine Ruhe und ein Friede im Krankenzimmer ausbreiten, die wirklich „höher sind als unsere Vernunft“. Und mancher findet auch sonntags den Weg in die Kapelle. Wenn dann der Gottesdienst ebenfalls diese persönliche Zuwendung atmet, dieses ganz an den Lebenserfahrungen der Menschen dran Sein, dieses wertschätzende und achtsam nach Worten Suchen, dann entsteht in der Klinikkapelle immer wieder eine erfüllende und beglückende Atmosphäre, die man beschreiben, besser aber erleben kann.

Solche Seelsorge, die ganz dort ansetzt, wo die Menschen leben, leiden, lieben und hoffen, muss sich ganz auf dieses andere, fremde System eines Krankenhauses einlassen. Und so braucht sie besondere, dieser Lebens- und Erfahrungswelt angepasste Bedingungen:

• Sie braucht verlässliche Präsenz in der Klinik, damit sie bekannt ist und in den entscheidenden Momenten auch da ist.

• Sie kann nur heilsam und hilfreich sein, wenn der/ die Seelsorgende durchlässig und berührbar ist für die Not und das Schicksal des Gegenübers. Dies erfordert viel seelische Energie und rührt auch immer wieder an eigene Wunden der Seelsorgenden. Dann muss genügend Raum für heilsame Selbstfürsorge sein. Sie können dann nicht einfach zum nächsten Termin weiter eilen.

• Deshalb braucht Seelsorge die Freiheit von den vielfältigen Terminen eines Gemeindealltages. Verletzte, unruhige, ängstliche Seelen halten sich eben meist nicht an einen Terminplan. Sie brauchen die Präsenz des Anderen, wenn sie sich gerade öffnen können.

Diese Seelsorge ist nicht anders als in enger und verlässlicher ökumenischer Gemeinschaft möglich. Nur so werden die Seelsorgenden von den Mitarbeiter*innen und Verantwortlichen der Klinik

als glaubwürdige Vertreter*innen von Kirche ernst genommen und respektiert. Und nur gemeinsam können die Klinikseelsorgenden den wachsenden Herausforderungen im Alltag der Kliniken und im System Krankenhaus kreativ begegnen.

In der Klinikseelsorge findet der Grundauftrag Jesu, besonders kranken, leidenden, sterbenden Menschen nahe zu sein (siehe z.B. Matthäus 25,36), einen verdichteten und in besonderer Weise erlebbaren Ausdruck.

Wir sollten daher auch und gerade bei den Kirchenwahlen im Herbst darauf achten, welche Bedeutung die Kandidat*innen nicht nur den Herausforderungen der Gemeinden, sondern auch den „Besonderen Diensten“ zumessen, zu denen die Klinikseelsorge gehört.

In diesem Sinne: Ihre Stimme ist wichtig!

Anna-Lena Frey, Klinikseelsorgerin

 

 

Kann Klinikseelsorge zur Genesung beitragen?

Kann Klinikseelsorge zur Genesung beitragen? – Einblicke und Einsichten einer Studentin der Ev. Fachhochschule Ludwigsburg

Im vierten Semester meines Studiums zur Religionspädagogin (Diakonin) und Sozialarbeiterin stand ein frei wählbares Praxisprojekt im diakonischen Bereich an. Ich wählte hierfür die Klinikseelsorge in den Kliniken Schmieder bei Pfarrerin Frey. Nach einer Vorbesprechung mit Pfarrerin Frey war ich von März bis Juni 2019 an einem Vormittag in der Woche auf den Gängen in der Schmiederklinik unterwegs. In diesem Praktikum sollten wir Studenten und Studentinnen nicht nur einen diakonischen Arbeitsbereich kennenlernen, sondern diese Arbeit unter einer bestimmten Frage erkunden. Mein Projekt beschäftigte sich mit der Fragestellung: „Was kann Klinikseelsorge in der Medizin bewirken? Der Medizinische Nutzen der Klinikseelsorge in einer neurologischen Rehabilitationsklinik“. Ich kann Ihnen hier nur einen kleinen Ausschnitt meiner Erkenntnisse darstellen.

Grundsätzlich konnte ich erfahren: Krankenhausseelsorge trägt einen wichtigen Teil zur Genesung bei. Die Erfolge dieser Arbeit sind selten eindeutig messbar. Dies stellt die Seelsorge in einer wissenschaftlichen Institution an einen besonderen Platz. Alle sonstigen Tätigkeiten im Krankenhaus lassen sich schriftlich darstellen. Angefangen bei der Veränderung der Blutwerte nach einer Medikamentenumstellung, über die Kraftzunahme durch die physiotherapeutische Behandlung bis hin zur Dauer von pflegerischen

Tätigkeiten lässt sich alles in Zahlen fassen. Alles kann protokolliert und über die Krankenkasse abgerechnet werden. Die Seelsorge stellt hier glücklicherweise eine Ausnahme dar. Die Kirche arbeitet aus Nächstenliebe heraus an dem Ort, wo Menschen sie am dringendsten brauchen. „Ich war krank und ihr habt mich besucht.“ (Mt 25,36).

Aber obwohl sich die Erfolge der Krankenhausseelsorge nicht eindeutig messen lassen, trägt sie häufig einen Teil zur Genesung bei. In den Gesprächen können die Patienten ankommen und sich sammeln. Vergangenes kann verarbeitet werden und es wird Platz für ein Leben nach dem Schlaganfall geschaffen. Motivation kann durch das Entdecken und Würdigen von Ressourcen, auf die die Person schon zuvor gebaut hat, aufrechterhalten und gesteigert werden. Durch die Einladung, von ihrem Leben zu erzählen (Biographiearbeit) können die Patienten gerade in ihrer – zumindest momentanen – Beschädigung und Einschränkung ganz selbstständig wahrnehmen, was sie im Leben erreicht haben. Dies schafft Mut und Zuversicht, auch die Hürden zu nehmen, die die Erkrankung mit sich bringt. Die Gesprächspartner*innen selbst sind das beste Messgerät für den Erfolg der Krankenhausseelsorge. Durch Sätze wie „Es spendet mir Trost, mit der Seelsorge zu sprechen.“, „Es hilft mir, meine Gedanken zu sortieren.“, „Es tut mir gut, mit Ihnen zu reden.“ oder „Danke für das Mitaushalten.“erhalten die Seelsorgenden Bestätigung. Natürlich muss trotzdem akzeptiert werden, wenn der Patient „Gerade möchte ich nicht reden, weil ich müde bin sagt. Krankenhausseelsorge heißt zuhören, auch wenn der Patient die Geschichte bereits mehrfach erzählt hat. Wenn man genau zuhört, kann einem auffallen, dass sich die Sprachfähigkeit oder der Konzentrationszeitraum des Gegenübers im Verlauf einer Begleitung verbessert oder verschlechtert. Diese Erkenntnisse können mit den Patienten und oder Pflegenden geteilt werden. Im Falle einer Besserung motiviert und bestätigt das die Patienten in ihrer täglichen Arbeit. Im Falle einer Verschlechterung kann das medizinische Personal reagieren.

Im Laufe meines Projektes habe ich erfahren, was Seelsorge ausmacht und wie sie in dem ganz eigenen System eines Krankenhauses seinen besonderen Ort bekommen kann. In den Gesprächen mit Frau Frey konnte ich meine Erfahrungen und Eindrücke reflektieren und bekam Anregungen und Informationen wie ich Gespräche mit den Patient*innen führen kann.

Abschließend möchte ich mich bei Pfarrerin Frey bedanken, die einen tiefen Einblick in dieses Sonderpfarramt ermöglicht hat.

Isabel Schank, EH Ludwigsburg