Klinikseelsorge - besonderer Ausdruck unseres Auftrages als Kirche in der Nachfolge Jesu

Wie sehr Menschen in existentiellen Krisen dankbar sind, wenn einfach jemand da ist; und wenn dieser jemand ein Ohr für ihre Lebenserfahrungen und -geschichten hat, achtsam und wertschätzend aufnimmt, was jetzt ihre Fragen, Wünsche und Bedürfnisse sind, das erlebe ich täglich in der Klinikseelsorge. Und wenn genug Vertrauen gewachsen ist, dann schleichen sich auch immer wieder Fragen nach einem letzten Halt, nach Hoffnung und so manches Mal auch die Sehnsucht nach Versöhnung mit „Dingen“ in der Vergangenheit in die Begegnung.

Bestimmte religiöse und konfessionelle Formen spielen dann meist keine Rolle mehr. Es geht um den Kern ihrer Existenz, was sie im Leben und im Sterben tragen und halten kann. Und da ist Zugewandtheit wichtiger, mit ihren Fragen und Antwortversuchen mitgehen und mitschwingen, sich selbst als Mensch mit Fragen und Zweifeln zeigen und gleichzeitig von dem zeugen, was mich selbst trägt und hält. Hier geschieht Kirche – in der authentischen Begegnung von Mensch mit Mensch. Kirche entsteht, wo Menschen miteinander Wege des Lebens inmitten von Erschütterungen und tödlichen Bedrohungen suchen.

So können auch Menschen, die sich schon lange von der offiziellen Kirche verabschiedet haben, Kirche in ganz neuer, für sie heilsamer Weise erfahren. Momente besonderer Intensität werden möglich, in denen sich – etwa bei einem persönlichen Segenszuspruch – eine Ruhe und ein Friede im Krankenzimmer ausbreiten, die wirklich „höher sind als unsere Vernunft“. Und mancher findet auch sonntags den Weg in die Kapelle. Wenn dann der Gottesdienst ebenfalls diese persönliche Zuwendung atmet, dieses ganz an den Lebenserfahrungen der Menschen dran Sein, dieses wertschätzende und achtsam nach Worten Suchen, dann entsteht in der Klinikkapelle immer wieder eine erfüllende und beglückende Atmosphäre, die man beschreiben, besser aber erleben kann.

Solche Seelsorge, die ganz dort ansetzt, wo die Menschen leben, leiden, lieben und hoffen, muss sich ganz auf dieses andere, fremde System eines Krankenhauses einlassen. Und so braucht sie besondere, dieser Lebens- und Erfahrungswelt angepasste Bedingungen:

• Sie braucht verlässliche Präsenz in der Klinik, damit sie bekannt ist und in den entscheidenden Momenten auch da ist.

• Sie kann nur heilsam und hilfreich sein, wenn der/ die Seelsorgende durchlässig und berührbar ist für die Not und das Schicksal des Gegenübers. Dies erfordert viel seelische Energie und rührt auch immer wieder an eigene Wunden der Seelsorgenden. Dann muss genügend Raum für heilsame Selbstfürsorge sein. Sie können dann nicht einfach zum nächsten Termin weiter eilen.

• Deshalb braucht Seelsorge die Freiheit von den vielfältigen Terminen eines Gemeindealltages. Verletzte, unruhige, ängstliche Seelen halten sich eben meist nicht an einen Terminplan. Sie brauchen die Präsenz des Anderen, wenn sie sich gerade öffnen können.

Diese Seelsorge ist nicht anders als in enger und verlässlicher ökumenischer Gemeinschaft möglich. Nur so werden die Seelsorgenden von den Mitarbeiter*innen und Verantwortlichen der Klinik

als glaubwürdige Vertreter*innen von Kirche ernst genommen und respektiert. Und nur gemeinsam können die Klinikseelsorgenden den wachsenden Herausforderungen im Alltag der Kliniken und im System Krankenhaus kreativ begegnen.

In der Klinikseelsorge findet der Grundauftrag Jesu, besonders kranken, leidenden, sterbenden Menschen nahe zu sein (siehe z.B. Matthäus 25,36), einen verdichteten und in besonderer Weise erlebbaren Ausdruck.

Wir sollten daher auch und gerade bei den Kirchenwahlen im Herbst darauf achten, welche Bedeutung die Kandidat*innen nicht nur den Herausforderungen der Gemeinden, sondern auch den „Besonderen Diensten“ zumessen, zu denen die Klinikseelsorge gehört.

In diesem Sinne: Ihre Stimme ist wichtig!

Anna-Lena Frey, Klinikseelsorgerin