Klinikseelsorge - "Ich bin dann mal weg..."

Zwar werde ich mich nicht wie Hape Kerkeling auf den Jakobsweg begeben, aber ich denke, die Zeit der Rente kann auch so etwas wie ein Pilgerweg werden, zumal es mich nach Scheidegg im Allgäu ziehen wird, das am sog. Münchner Jakobsweg liegt, und wo die dortige evangelische Kirchengemeinde ein Pilgerzen- trum unterhält.

Der für den 21. April geplante Abschied konnte wegen Corona nicht stattfinden. Auch am 30. Juni, dem  offziellen Ende meiner Zeit in der Klinikseelsorge und als Pfarrerin im „aktiven Dienst“, wird wohl keine grö- ßere Abschiedsveranstaltung stattfinden können. Denn in der Klinik haben externe Personen immer noch nur sehr begrenzt Zutritt und auch innerhalb des Krankenhauses dürfen Versammlungen nur in kleinem Rahmen stattfinden. So muss es von meiner Seite her bei diesen schriftlichen Abschiedsworten bleiben. Vielleicht mag es ja noch die ein oder andere persönliche Begegnung „by the way“, telefonisch oder digital geben.

Es ist ein mehrfacher Abschied – der Abschied von meiner Zeit als Seelsorgerin in den Kliniken auf der Schillerhöhe, der Abschied von der Matthäusgemeinde und nicht zuletzt der Abschied überhaupt von der Zeit, in der ich beruflich als Seelsorgerin gearbeitet habe. Anmerkung: Seelsorgerin werde und will ich ja bleiben. Und das hoffentlich noch möglichst lange! Aber eben nicht mehr „im Hauptberuf“, sondern künf- tig, wann und wie ich es kann und möchte.

Nicht nur der oder eben „die“ Abschiede fallen mir schwer – das darüber Nachdenken und erst recht das darüber Schreiben fallen mir ebenfalls schwer.

Das Leben – es kann auf verschiedene Weisen beschrieben oder definiert werden. Eines jedenfalls trifft immer zu: „Leben heißt Lernen“. Und zwar im Sinne des Wortes „lebenslänglich“. Und wenn ich nun auf mein Leben, besonders auf die letzten Jahre hier in Gerlingen zurückblicke: Was habe ich in diesen neun Jahren gelernt – in den Kliniken auf der Schillerhöhe und in der Matthäusgemeinde im Besonderen, wie auch überhaupt im Allgemeinen? Manches habe ich mit Freude gelernt. Anderes habe ich schmerzlich ler- nen müssen.

Drei Worte möchte ich hier nennen: Demut, Dankbarkeit, Selbst-Akzeptanz.

Demut: Wenn ich sagen würde, ich hätte gelernt, demütig zu sein – dann wäre das ja auch nichts an- deres als eine besondere Form des höchstens mühsam verborgenen Hochmutes. Aber ich meine schon, vor allem in den zahlreichen Begegnungen mit Menschen in biographischen Grenzsituationen wenigstens ein wenig Demut „gelernt“ zu haben. Wie oft fühlte ich mich geradezu beschämt, wenn mir Menschen Ein- blick gewährten in ihre Lebenswege, angesichts derer mir oft der Atem wegblieb.

Dankbarkeit: Was sich fast nicht verhindern ließ – im Kontakt mit Kranken, Sterbenden, Leidenden dank-

bar zu werden für das eigene doch eher gesunde, weitgehend schmerzfreie Leben, das ich hatte und noch habe. Und diese Begegnungen haben mich grundsätzlich gelehrt, stets die Lebensmöglichkeiten dankbar zu ergreifen, die mir im Heute und Jetzt geschenkt sind. Und ich will auch nichts Wesentliches mehr auf mor- gen aufschieben.

Und zuletzt Selbst-Akzeptanz: Ich meine damit, dass ich gelernt habe zu akzeptieren, dass meine Mög- lichkeiten bisweilen recht begrenzter Natur sind. So manches Mal reichte meine Kraft z.B. nicht mehr, an einem nächsten Patientenzimmer anzuklopfen, mich auf eine nächste Begegnung einzustellen. Und ich musste lernen, dass nicht jedes Ende rund, nicht jeder Abbruch ohne Brüche verläuft – auch wenn wir es gerne anders hätten. Nicht alles kann am Ende noch geklärt und gelöst werden, weder bei den Abschieden während des Lebens noch bei dem letzten Abschied, der ja auch für mich unausweichlich kommen wird.

Ich habe in diesen Jahren viele Menschen kennengelernt. Es waren alle möglichen Arten von Begeg- nungen dabei, auf jeden Fall auch viele überraschende, in denen ich mit meinem „gelernten Latein“ nicht sehr weit kam, in denen ich umdenken, Neues denken, eben neue, manchmal andere Wege als gewünscht gehen musste.

Viele dieser Begegnungen haben mich aber auch fasziniert, beschenkt, bereichert und oft mit großer Hochachtung erfüllt. Und diese Möglichkeit zu häufigen und vielfältigen, immer wieder überraschenden Begegnungen mit so vielen unterschiedlichsten Menschen wird mir sicher fehlen.

Ich fühle mich privilegiert, dass ich an diesem so besonderen „Lernort Klinikseelsorge“ meine letzten  beruflichen Jahre zubringen durfte. Diese Erfahrungen werden mir für meinen weiteren Weg wesentliche Impulse und Orientierung sein.

Zuletzt möchte ich allen Menschen hier in der Matthäusgemeinde danken, die meinen Dienst in diesen Jahren begleitet, aber auch mich persönlich unterstützt und ermutigt haben. Danken auch denen, die sich im Gottesdienstbegleitdienst oder auch beim weihnachtlichen Singen konkret mit eingebracht haben.

„Gott befohlen!“, so habe ich mich immer wieder von Patientinnen und Patienten verabschiedet.

So möchte ich mich nun auch von Ihnen verabschieden: Gott befohlen!

Und falls es ein Wiedersehen geben sollte, wo und wann auch immer, sollte es mich freuen.

Anna-Lena Frey, Klinikseelsorgerin

Klinikseelsorge - KONKRET

Fünf Momentaufnahmen sollen verdeutlichen, wie Klinikseelsorge konkret aussehen kann:

  1. Die Leitung der Frührehabilitations-Station der neurologischen Rehabilitationskliniken Schmieder leitet mir als Seelsorgerin die Bitte von Frau M. um einen Besuch weiter. Vor zwei Tagen sei die Entscheidung getroffen worden, dass bei ihrem Mann die Reha-Maßnahmen in Palliativmaßnahmen übergeleitet werden. Sie wünsche seelsorgerliche Begleitung. In den nächsten Tagen komme ich so oft wie möglich. Wir sitzen gemeinsam am Bett, lauschen seinem Atem, sind froh, wenn er nach unserem Eindruck nicht leidet. Frau M. erzählt viel von ihrem Mann. So findet sein Leben nochmals eine Würdigung. Immer wieder können wir dabei miteinander lachen. Es fließen auch viel Tränen, weil der Abschied so schwer ist und sich über Wochen hinzieht. Nein, ein Gebet wäre nicht in seinem Sinn – damit hatte er und auch sie selbst nie viel im Sinn. Aber dass ich da sei, sie mit mir einfach so reden könne, das täte einfach gut. So halte ich mit ihr aus, was kaum auszuhalten ist. Beim Kommen oder Gehen spreche ich mit den Pflegenden, Therapeut*innen und Ärzt*innen, was sie bei dieser Begleitung bewegt. Ich bin dankbar, dass wir diesen Weg gemeinsam gestalten.

  2. Ganz anders eine Begegnung auf der Palliativstation der Klinik Schillerhöhe (= Lungenfachklinik des Robert-Bosch-Krankenhaus): Die Familie ist um das Bett des Ehemanns und Vaters versammelt. Ich lege meine Hand auf die Stirn eines Sterbenden. Nach vielem Auf und Ab im letzten Jahr ist spürbar, dass der letzte Moment nahe ist. Ich spreche einen Sterbesegen. Dann lade ich die Umstehenden ein, einen Kreis um das Bett zu bilden und den Sterbenden in die Mitte zu nehmen; nochmals eine wichtige Erinnerung oder einen Wunsch ihn auszusprechen. Im anschließenden Gebet drücke ich die Gefühle aus, die da sind: Trauer, Angst, Schmerz Dankbarkeit, Hoffnung, Bitte um Vergebung, Ohnmacht. Am Schluss sprechen wir das Vaterunser. Einige Wochen danach schreibt mir die Ehefrau und bedankt sich.

  3. Der Zustand einer Mukoviszidose Patientin hat sich akut verschlechtert. Sie wurde auf die Intensivstation verlegt. Nach langem Ringen haben die Angehörigen entschieden, dass die Intensivmaßnahmen beendet werden sollen. Auf dem Weg zu ihr treffe ich die Oberärztin, die mir unter Tränen erzählt, wie schwer es ihr diesmal falle, die Entscheidung der Patientin und ihrer Angehörigen zu respektieren. Sonst sei das nie so, aber diesmal.... Wir sprechen darüber, wie schwer es manchmal ist, die ganz eigenen Entscheidungen der Menschen zu respektieren und bei allem Können und Machen letztlich unsere Ohnmacht auszuhalten.

  4. Auf dem Weg in die Klinik mache ich einen Abstecher zur Raucherecke. Ich stelle mich einen Moment zu ihnen. Eine Schwester erzählt von drei Verstorbenen am Wochenende. Besonders Herr B. werde sie noch lange beschäftigen. Wir sprechen darüber, wie man bei so viel Schwerem möglichst wenig mit nach Hause nehme. Unter anderem sei sie sehr froh über das Trauercafé, das wir 2 Mal im Jahr für uns und die Angehörigen der Verstorbenen gestalten. Beim Kerzenentzünden für jeden Verstorbenen noch einmal inne halten zu können, wahrzunehmen, was wir erlebt, wen wir begleitet haben (ca. 50 in 6 Monaten), das sei so wichtig.

  5. Beim Mittagessen begegnet mir eine junge Ärztin. Sie erzählt mir, sie sei unzufrieden mit sich, weil sie einen Patienten nur ungenügend begleitet habe. Sie habe zu ihm keine Sympathie entwickeln können. Ich drücke meine Wertschätzung darüber aus, dass sie dies selbst so wahrnehme. Und wir sprechen darüber, dass wir alle immer wieder an unsere Grenzen in Begegnungen mit Menschen kommen.

Diese Momentaufnahmen veranschaulichen:
Klinikseelsorge hat nicht nur die Patient*innen und ihre Angehörige im Blick, sondern in

gleichem Maße auch die Mitarbeitenden. Im System des Krankenhauses ist der/die Seelsorger*in die einzige Person, die außerhalb der Hierarchie Begleitung und ein offenes Ohr für die beruflichen und/oder persönlichen Nöte, Freuden und Fragen anbieten kann. Damit dieses Angebot angenommen werden kann, ist es wichtig, dass der/die Seelsorgerin verlässlich in der Klinik präsent ist, immer wieder „ihr Gesicht“ zeigt, in den Stationszimmern „Hallo“ sagt und Zeit-Haben signalisiert. So wachsen – über Monate und Jahre – Vertrauens- Beziehungen, die auch mich als Seelsorgerin in meinem Dienst selbst tragen und bereichern.

  • Gleichzeitig sind die Mitarbeiter*innen wesentliche Brücke zu den Patient*innen und ihren Angehörigen. Sie weisen die Patienten auf mich hin und bringen mich bei ihnen ins Gespräch. Wenn ich dann in ein Zimmer komme, komme ich nicht mehr einfach nur als Fremde, sondern auch als ein Mensch, der von denjenigen geschätzt wird, zu denen die Patient*innen bereits Vertrauen haben. So habe ich Anteil an dieser hilfreichen Patienten-Pflegenden bzw. Ärzte- Beziehung. Entsteht dann eine eigene Beziehung zu dem Patienten, kann auch ich wiederum zur „Übersetzerin“ der Wünsche, Ängste und Sorgen des Patienten hin zu den Pflegenden und Ärzten, oftmals auch zu den Angehörigen werden.

  • Als Seelsorgerin versuche ich die Fragen und Themen der Menschen zu erspüren, die für diese gerade oben auf liegen. Und so spreche ich nicht immer (vielleicht sogar eher weniger) über Gott, sondern versuche sie dort aufzusuchen und ernst zu nehmen, wo sie gerade sind und was sie gerade beschäftigt. Ich möchte sie auf ihrem Weg begleiten, wie auch immer dieser aussehen mag. Klinikseelsorge versucht die bedingungslose Freundlichkeit und Zugewandtheit der göttlichen Liebe erfahrbar zu machen. Hierbei sind eben Worte nur ein kleiner Teil. Manchmal ist das schweigende Dabeibleiben, wenn die Verzweiflung groß ist wichtiger, ein anderes Mal ist dann ein Liedvers oder der Zuspruch des göttlichen Segens gut, der dem aufgewühlten Inneren etwas Frieden verschafft..

  • Bei allem lebt die Klinikseelsorge von der Verheißung Jesu: „...was ihr einem dieser meiner geringsten Brüdern und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan...“ (Matthäus 25). Das heißt, die Begegnungen am Krankenbett, die Begegnungen im Stationszimmer, an der Raucherecke, am Mittagstisch... sind immer auch zugleich Gottesbegegnungen. Ich weiß oftmals hinter her nicht, wer eigentlich wem etwas gegeben hat. Jedenfalls fühle ich mich oft selbst von den Begegnungen ungeheuer beschenkt und bereichert. Sie weiten mein Bild vom Leben und von Gott.

    Anna-Lena Frey, Klinikseelsorgerin 

Klinikseelsorge - besonderer Ausdruck unseres Auftrages als Kirche in der Nachfolge Jesu

Wie sehr Menschen in existentiellen Krisen dankbar sind, wenn einfach jemand da ist; und wenn dieser jemand ein Ohr für ihre Lebenserfahrungen und -geschichten hat, achtsam und wertschätzend aufnimmt, was jetzt ihre Fragen, Wünsche und Bedürfnisse sind, das erlebe ich täglich in der Klinikseelsorge. Und wenn genug Vertrauen gewachsen ist, dann schleichen sich auch immer wieder Fragen nach einem letzten Halt, nach Hoffnung und so manches Mal auch die Sehnsucht nach Versöhnung mit „Dingen“ in der Vergangenheit in die Begegnung.

Bestimmte religiöse und konfessionelle Formen spielen dann meist keine Rolle mehr. Es geht um den Kern ihrer Existenz, was sie im Leben und im Sterben tragen und halten kann. Und da ist Zugewandtheit wichtiger, mit ihren Fragen und Antwortversuchen mitgehen und mitschwingen, sich selbst als Mensch mit Fragen und Zweifeln zeigen und gleichzeitig von dem zeugen, was mich selbst trägt und hält. Hier geschieht Kirche – in der authentischen Begegnung von Mensch mit Mensch. Kirche entsteht, wo Menschen miteinander Wege des Lebens inmitten von Erschütterungen und tödlichen Bedrohungen suchen.

So können auch Menschen, die sich schon lange von der offiziellen Kirche verabschiedet haben, Kirche in ganz neuer, für sie heilsamer Weise erfahren. Momente besonderer Intensität werden möglich, in denen sich – etwa bei einem persönlichen Segenszuspruch – eine Ruhe und ein Friede im Krankenzimmer ausbreiten, die wirklich „höher sind als unsere Vernunft“. Und mancher findet auch sonntags den Weg in die Kapelle. Wenn dann der Gottesdienst ebenfalls diese persönliche Zuwendung atmet, dieses ganz an den Lebenserfahrungen der Menschen dran Sein, dieses wertschätzende und achtsam nach Worten Suchen, dann entsteht in der Klinikkapelle immer wieder eine erfüllende und beglückende Atmosphäre, die man beschreiben, besser aber erleben kann.

Solche Seelsorge, die ganz dort ansetzt, wo die Menschen leben, leiden, lieben und hoffen, muss sich ganz auf dieses andere, fremde System eines Krankenhauses einlassen. Und so braucht sie besondere, dieser Lebens- und Erfahrungswelt angepasste Bedingungen:

• Sie braucht verlässliche Präsenz in der Klinik, damit sie bekannt ist und in den entscheidenden Momenten auch da ist.

• Sie kann nur heilsam und hilfreich sein, wenn der/ die Seelsorgende durchlässig und berührbar ist für die Not und das Schicksal des Gegenübers. Dies erfordert viel seelische Energie und rührt auch immer wieder an eigene Wunden der Seelsorgenden. Dann muss genügend Raum für heilsame Selbstfürsorge sein. Sie können dann nicht einfach zum nächsten Termin weiter eilen.

• Deshalb braucht Seelsorge die Freiheit von den vielfältigen Terminen eines Gemeindealltages. Verletzte, unruhige, ängstliche Seelen halten sich eben meist nicht an einen Terminplan. Sie brauchen die Präsenz des Anderen, wenn sie sich gerade öffnen können.

Diese Seelsorge ist nicht anders als in enger und verlässlicher ökumenischer Gemeinschaft möglich. Nur so werden die Seelsorgenden von den Mitarbeiter*innen und Verantwortlichen der Klinik als glaubwürdige Vertreter*innen von Kirche ernst genommen und respektiert. Und nur gemeinsam können die Klinikseelsorgenden den wachsenden Herausforderungen im Alltag der Kliniken und im System Krankenhaus kreativ begegnen.

In der Klinikseelsorge findet der Grundauftrag Jesu, besonders kranken, leidenden, sterbenden Menschen nahe zu sein (siehe z.B. Matthäus 25,36), einen verdichteten und in besonderer Weise erlebbaren Ausdruck.

Anna-Lena Frey, Klinikseelsorgerin