Was in der Klinik geschieht

Was in der Klinikseelsorge geschieht – Bericht der Klinikseelsorgerin im Gemeindeforum

  • Ein paar Momentaufnahmen zeigen Ihnen, was ich in den beiden Kliniken auf der Schillerhöhe tue:

Die Stationsleitung der Frühreha leitet mir die Bitte von Frau M. um einen Besuch weiter. Vor zwei Tagen sei die Entscheidung getroffen worden, dass bei ihrem Mann die Reha-Maßnahmen in Palliativmaßnahmen übergeleitet werden. Sie wünsche seelsorgerliche Begleitung. In den nächsten Tagen komme ich so oft wie möglich. Wir sitzen gemeinsam am Bett, lauschen seinem Atem, sind froh, wenn er nach unserem Eindruck nicht leidet. Frau M. erzählt viel von ihrem Mann. So findet sein Leben nochmals eine Würdigung. Immer wieder können wir dabei miteinander lachen. Es fließen auch viel Tränen, weil der Abschied so schwer ist und sich über Wochen hinzieht. Nein, ein Gebet wäre nicht in seinem Sinn – damit hatte er und auch sie selbst nie viel im Sinn. Aber dass ich da bin, sie mit mir einfach so reden könne, das täte einfach gut. So halte ich mit ihr aus, was kaum auszuhalten ist. 

Beim Kommen oder Gehen spreche ich mit den Pflegenden, Therapeuten und Ärzten, was sie bei dieser Begleitung bewegt. Ich bin dankbar, dass wir diesen Weg gemeinsam gestalten. 

  • Ganz anders eine Begegnung auf der Palliativstation

Die Familie ist um das Bett des Ehemann und Vaters versammelt. Ich lege meine Hand auf die Stirn eines Sterbenden. Nach vielem Auf und Ab im letzten Jahr ist spürbar, dass der letzte Moment nahe ist. Ich spreche einen Sterbesegen. Dann lade ich die Umstehenden ein, einen Kreis um das Bett zu bilden und den Sterbenden in die Mitte zu nehmen; nochmals eine wichtige Erinnerung oder einen Wunsch ihn auszusprechen. Im anschließenden Gebet drücke ich die Gefühle aus, die da sind: Trauer, Angst, Schmerz, Dankbarkeit, Hoffnung, Bitte um Vergebung, Ohnmacht. Am Schluss sprechen wir das Vaterunser. Einige Wochen danach schreibt mir die Ehefrau und bedankt sich. 

  • Eine dritte Momentaufnahme

Der Zustand einer Mukoviszidose Patientin hat sich akut verschlechtert. Sie wurde auf die Intensivstation verlegt. Nach langem Ringen haben die Angehörigen entschieden, dass die Intensivmaßnahmen beendet werden sollen. Auf dem Weg zu ihr treffe ich die Oberärztin, die mir unter Tränen erzählt, wie schwer es ihr diesmal falle, die Entscheidung der Patientin und ihrer Angehörigen zu respektieren. Sonst sei das nie so, aber diesmal…. Wir sprechen darüber, wie schwer es manchmal ist, die ganz eigenen Entscheidungen der Menschen zu respektieren und bei allem Können und Machen letztlich unsere Ohnmacht auszuhalten. 

  • Eine vierte Momentaufnahme

Auf dem Weg in die Klinik mache ich einen Abstecher zur Raucherecke. Ich stelle mich einen Moment zu ihnen. Eine Schwester erzählt von drei Verstorbenen am Wochenende. Besonders Herr B. werde sie noch lange beschäftigen. Wir sprechen darüber, wie man bei so viel Schwerem möglichst wenig mit nach Hause nehme. Unter anderem sei sie sehr froh über das Trauercafé, das wir 2 Mal im Jahr für uns und die Angehörigen der Verstorbenen gestalten. Beim Kerzenentzünden für jeden Verstorbenen noch einmal inne halten zu können, wahrzunehmen, was wir erlebt, wen wir begleitet haben (ca. 50 in 6 Monaten), das sei so wichtig.  

  • Noch eine letzte

Am Mittagessen begegnet mir eine junge Ärztin. Sie erzählt mir, sie sei unzufrieden mit sich, weil sie einen Patienten nur ungenügend begleitet habe. Sie habe zu ihm keine Sympathie entwickeln können. Ich sage zu ihr: Dass Sie das selbst so wahrnehmen, das beeindruckt mich sehr. Wir alle haben doch unsere Grenzen. Ich erlebe sie als eine gute Ärztin. 

  • Ein paar allgemeine Bemerkungen:

Die Achtsamkeit für Kranke, ihre Angehörigen, und Mitarbeitenden aus allen Berufsgruppen ist mein Kerngeschäft

Was mich dabei leitet, ist die Erkenntnis, dass ich als Seelsorgerin nicht in erster Linie etwas zu „bringen“ habe. Das Wort Jesu „Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht...“ lädt mich viel mehr dazu ein, in der Begegnung mit den Menschen selbst diesen Christus zu entdecken, mich also auf die Spurensuche Christi zu begeben. So versteht es sich von selbst, dass ich ohne jede Vorbehalte kommen will. Ich frage nicht nach Religion, Diagnose, Mann oder Frau und erlebe, dass die Menschen religiöser sind als wir oft denken. 

Und so werde ich häufig mehr beschenkt als dass ich gegeben habe. 

Das Bedenken der ethischen Dimension wird mit der Entwicklung des medizinischen Fortschritts immer wichtiger. Viele bewegende Diskussionen im Ethikommitee der Schmiederklinik haben mein Denken geschärft und meinen Glauben verändert.

Der Ohnmacht begegne ich als Seelsorgerin dabei öfter, als ich es in der Gemeinde gewohnt war - und dies an einem Ort, wo so viel gemacht wird. Das lässt mich nicht unberührt. Manchmal gilt es nur, dem Unaussprechlichen Worte zu geben. 

Ganz verschiedene Rollen fülle ich aus: Ich bin Begleiterin in einer existentiellen Lebenssituation, ich bin Fortbildnerin für Stationsteams, Supervisorin für einzelne Mitarbeiterinnen, Vermittlerin zwischen Angehörigen und Pflegenden, Patienten und Angehörigen, zwischen verschiedenen Berufsgruppen, ich bin Lernende, Pfarrerin, Feuerwehr in akuten Krisen.

Das Zusammensein und Zusammenarbeiten mit so vielen unterschiedlichen Berufsgruppen ist mir eine große Bereicherung.   

Hierfür ist eine zuverlässige und kontinuierliche Präsenz in der Klinikwelt nötig. Als Gast in einem fremden System kann ich nur mitgestalten, wenn die Menschen mich persönlich kennen. Da zum einen die Fluktuation in der Klinik und zum anderen das Arbeitstempo enorm hoch sind, muss ich regelmäßig auf den Gängen sicht- und greifbar sein.  

Die Gottesdienste in der Klinik sind immer ein besonders intensives Erleben. Dem so dichten Leben im Krankenhaus, den Gefühlen, Fragen und Hoffnungen, der Ohnmacht und Sprachlosigkeit, angemessene Worte und Formen des Feierns zu verleihen, ist eine große aber auch erfüllende Herausforderung für mich. Sehr dankbar bin ich hier für den Dienst der ehrenamtlichen Gottesdienstbegleiterinnen. 

Gleichzeitig trage ich die Themen dieser so brisanten Lebenswelt unserer Gesellschaft in die Gemeinde bzw. Kirche, besonders in den monatlichen Gottesdiensten in und über die Matthäusgemeinde hinaus, wie auch in Männerrunden, Frauenkreisen u.ä.. 

Dankbar bin ich für die Vernetzung der Klinikseelsorge mit der Matthäusgemeinde durch den Klinikausschuss und die Unterstützung durch den Kirchengemeinderat. Das musikalische Engagement besonders der Jugendlichen der Gemeinde in den Klinikgottesdiensten bereichert ebenfalls beide – Patienten und die Musizierenden. 

Ein Wort zur Ökumenischen Zusammenarbeit:  

Menschen in Krisenzeiten brauchen in erster Linie nicht Vertreter und Vertreterinnen bestimmter Konfessionen oder Religionen, sondern vor und in allem glaub-würdige Menschen. Für die Klinik gibt es schon lange nur „die Klinikseelsorge“. So darf Klinikseelsorge weder evangelisch noch katholisch verstanden, sondern muss immer ökumenisch getragen werden. Alles andere würde die Klinik nicht verstehen. Und anders wäre sie auch nicht glaub-würdig. 

Ich bin dankbar, dass ich in Diakon Bruker und Pfarrer Bischoff Kollegen habe, mit denen sich das gemeinsam umsetzen lässt. 

Ich bin von ganzem Herzen Klinikseelsorgerin, arbeite gerne in den Kliniken. Jeden Tag. Ich bin dort Gast – und bin doch mitten drin. Das gefällt mir. Ich habe hohen Respekt vor dem, was dort Tag und Nacht von allen Beteiligten geleistet wird.

Anna-Lena Frey

 

Immer wieder sonntags

Unterstützung von Patienten auf dem Weg zum Gottesdienst in der Kapelle der Kliniken Schillerhöhe.

Mit dieser Überschrift hat unsere Klinikseelsorgerin Anna-Lena Frey vor einiger Zeit an dieser Stelle für die ehrenamtliche Mitarbeit als Gottesdienstbegleiter/ innen geworben. Als Frau Frey mich dann direkt ansprach, ob ich mir vorstellen könnte, in der Gruppe der Gottesdienstbegleiter mitzumachen, da brauchte ich einige Bedenkzeit. Bei den gemeinsamen Gottesdiensten von Klinik und Matthäuskirche hatte ich den Dienst der Ehrenamtlichen schon beobachten können. Ich sah, wie Patienten in ihren Rollstühlen sonntags in die Kapelle gebracht wurden und erfuhr, dass die meisten schwer betroffene Schlaganfall-Patienten sind, die sich jetzt zur Reha in der Klinik befinden und deren Reha-Aufenthalte sich über viele Wochen hinziehen können.

Viele Fragen gingen mir durch den Kopf: Was würde von mir erwartet? – Was traue ich mir selber zu? – Wie und worüber könnte ich wohl mit den Patienten sprechen auf dem Weg von den Stationen bis in die Kapelle und zurück? – Wie viel von meinem Mitgefühl mit der Not der Patienten würde ich nach den Gottesdiensten mit nach Hause nehmen und wie würde ich – die Gesunde! – diese Belastung dann verarbeiten können?

Jetzt wollte ich es wissen – also verabredete ich erst einmal zwei Probe-Sonntage, sozusagen als „Mitläuferin“ einer erfahrenen Gottesdienstbegleiterin. Und das war gut so, denn schon beim ersten Mal spürte ich: mit der Situation kann ich umgehen.

Seit Ende 2016 bin ich nun mit dabei. Zur Zeit sind wir 16 Männer und Frauen und machen unseren Dienst immer zu viert oder zu dritt in ganz unterschiedlicher Zusammensetzung, so wie es der private Zeitplan zu- lässt und dreimal jährlich im voraus abgesprochen wird.

Wir treffen uns um 9:15 Uhr in der Kapelle und vereinbaren, wer auf welche Station geht. Einer von uns kümmert sich noch um den frischen Blumenschmuck für den Altar, dann geht’s los: das Pflegepersonal weiß, dass wir sonntags regelmäßig kommen und einige ihrer Patienten für eine Stunde in die Kapelle mitnehmen. Manche Patienten erwarten uns schon und freuen sich, uns wiederzusehen. Andere muss ich ansprechen und ihnen erklären, was wir ihnen anbieten. Die Reaktionen darauf sind so vielfältig wie die Menschen: der eine nimmt unsere Einladung und unsere Hilfe gerne an, ein anderer hingegen lehnt höflich ab oder – auch das passiert – gibt mir deutlich und barsch zu verstehen, was er von Gott und der Kirche hält. Andere Patienten wiederum sind durch ihre Erkrankung so verunsichert, dass sie sich nicht zutrauen mitzukommen. Ihnen kann ich mit Unterstützung des Krankenpflegers Mut machen. Manche sind so in sich verschlossen, dass ich zunächst erst einmal versuche, einen Kontakt herzustellen und ihnen erst dann gut zurede, wenn ich den Eindruck habe, sie damit nicht zu überfordern. Allen verspreche ich, dass ich sie auch vorzeitig zurückbringe, wenn sie mir im Gottesdienst ein Zeichen geben – und das hat bisher immer gut geklappt.

Diese Gespräche dauern manches Mal etwas länger, so dass es dann im Eiltempo durch die langen Gänge zur Kapelle geht. Wenn dann schließlich alle angekommen und richtig platziert sind, beginnt der Gottesdienst. Dabei schweift mein Blick immer wieder über den Patienten-Halbkreis vor dem Altar, mal um et- was aufzuheben, mal beim Umblättern zu helfen oder ein frisches Tempo zu reichen, weil die Tränen plötzlich fließen, oder ein andermal, um vorsichtig nachzufragen, wenn ein Patient plötzlich unruhig wird. So kann der Gottesdienst ungestört weiterlaufen. Auch in diesem Sinne sind wir hilfreiche Gottesdienst-Begleiter.

Nach den Gottesdiensten bildet sich immer eine lange Schlange vor dem kleinen Fahrstuhl der Kapelle, in den nur ein Rollstuhl plus ein Begleiter passt. Bei bis zu 15 Rollstühlen dauert das ein Weilchen. Aber die Patienten sind geduldig und viele von ihnen nutzen die Wartezeit zum Gespräch miteinander. Auf dem Rückweg zur Station ist es meist leichter, den persönlichen Kontakt zu den Patienten zu finden, die jetzt vom Gottesdienst angeregt sind. Immer wieder höre ich, wie schön der Gottesdienst war, die Predigt, die Orgelmusik und das Singen – und wie dankbar sie für all dies sind. Angekommen auf der Station passiert es nicht selten, dass ein Patient mir noch seine Lebensgeschichte erzählen möchte – von seinem Berufsweg, seinen Kindern und Enkeln – oder auch von seinen Sorgen und Ängsten, mit denen er seine Angehörigen nicht belasten will.

Mit dem Dienst als Gottesdienstbegleiterin ist der Sonntagvormittag ganz ausgefüllt. Auch wenn ich nicht immer nur fröhlich und unbeschwert nach Hau- se komme, empfinde ich meine Klinik-Sonntage mittlerweile als Geschenk und große Bereicherung, wofür ich sehr, sehr dankbar bin.

Fühlen Sie sich angeregt, auch mitzumachen? Wenn ja, dann melden Sie sich doch bei Frau Frey. Wir brauchen Verstärkung!

Gudrun Debler

 

Klinikseelsorge - aus der Perspektive eines Krankenpflegers

Aus dem Grußwort anlässlich des Festgottesdienstes am 6. Dezember 2015 in der Klinik von Sebastian Rogowsky, Gesundheits- und Krankenpfleger der Kliniken Schmieder:

… „Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht“, so steht es auf der Einladung zu dieser Feier. Dieses Zitat bringt etwas zusammen, was in unserer heutigen Gesellschaft gar nicht mehr so selbstverständlich zusammen gedacht wird: kranke und gesunde Menschen treffen aufeinander. Oft wird unterschätzt, was ein solcher Besuch oder eine solche Begegnung für positive Auswirkungen haben können. Nicht nur für Kranke, sondern auch für gesunde Menschen. Das Team der Klinikseelsorge ist neben seinem langjährigen Engagement in der Schillerhöhe auch am Standort Kliniken Schmieder Gerlingen aktiv. Ich möchte mich in diesem Zusammenhang ganz besonders bei den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bedanken. Sie ermöglichen es unseren Patienten und Patientinnen zum einen, sonntags den Gottesdienst zu besuchen und geben ihnen damit die Gelegenheit, wieder ein Stück Normalität zu erleben. Zum anderem denke ich aber auch an eine Patientin, die mir erzählte, wie wertvoll gerade die kurzen Gespräche während des Hin- und Zurückbringens zum Gottesdienst für sie waren. Vielen Dank dafür. Aber auch bei Ihnen, Frau Frey, möchte ich mich bedanken. Durch Ihre Stellung als externe Seelsorgerin (damit eben nicht Teil des Systems) ist es Ihnen möglich, unseren Patienten und Patientinnen und Ihren Angehörigen auf einer ganz anderen Ebene zu begegnen, als es uns Angestellten möglich ist. Dies ist gerade in der Frührehabilitation wichtig, wenn sich z.B. im Verlauf der Therapie herausstellt, dass der Zustand des Patienten nicht wie erhofft besser, sondern dauerhaft stagnieren oder sich noch verschlechtern wird. Für Angehörige stellt sich dann die schwierige Frage, wie es weitergehen kann. Genau hier bedarf es Personen, die solche Fragen aushalten und Angehö- rige sowie Patienten und Patientinnen würdevoll auf ihrem Weg begleiten. Das betreuende Personal ist ebenfalls mit solchen Situationen und Fragen konfrontiert, und in diesem Zusammenhang hat mir so mancher oder manche meiner Kollegen und Kolleginnen von guten Gesprächen mit Ihnen, sei es im Pausenraum oder auf dem Weg nach draußen, erzählt. Dass es jedoch nicht immer um schwierige Themen gehen muss, verdeutlicht mir eine Erinnerung: Vor ungefähr drei Jahren kamen Sie am Pflegestützpunkt mit Ihrer Gitarre vorbei und stimmten nach einem kurzen erheiternden Gespräch mit den Pflegekräften ein Lied an – bei dem zu meiner Überraschung sogar wirklich mindestens drei Personen mitsingen konnten. Damit haben Sie einige mit einem Lächeln im Gesicht nach Hause gehen lassen. Vielen Dank für Ihr Engagement, alles Gute und weiterhin eine gesegnete Zeit in den Kliniken!